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Berliner Posse neu belebt

Berliner Posse neu belebt
Herausragend: Jan-Christof Kick (links), als Gutsbesitzer Philipp Klapp-roth, und Gideon Rapp, als Schöllers Ziehsohn Eugen. FOTO: max
Stadt Willich. Der Applaus wollte nicht enden: Auf der einen Seite strahlende Schauspieler, die von diesem begeisterten Premierenpublikum gar nicht genug bekommen konnten, auf der anderen Seite stehende Zuschauer, die sich die Hände wund klatschten und kräftig mit den Füßen trampelten. Von Lutz Schütz

Besser kann die Antwort auf die Frage, ob man eine Posse, die 1890 in Berlin uraufgeführt wurde, heute noch zeigen kann, nicht ausfallen. Das von Wilhelm Jakoby und Carl Laufs geschriebene Luststück feierte am Samstagabend bei den Schlossfestspielen Neersen regelrecht Wiederauferstehung. Intendant und Regisseur Jan Bodinus und sein Ensemble haben das Stück so aufgepeppt, dass es immer wieder spontanen Szenenapplaus gab.

Das Bühnenbild – wie immer von Ausstatterin Silke von Pattay auf das Wesentliche reduziert – ließ den Schauspielern alle Freiheiten sich auszutoben. Und das wurde genutzt. Allen voran Jan-Christof Kick, der als Gutsbesitzer Philipp Klapp-roth alle seine Register zog, inklusive kleiner Slapstick-Einlagen. Dabei sollte eigentlich Schlossfestspiele-Publikumsliebling R.A. Güther die Hauptrolle spielen. Ihm machte aber eine schwere Erkrankung seines Lebenspartners einen Strich durch die Rechnung. Kick sprang kurzentschlossen ein, lernte eine Riesenmenge Text und machte das Fehlen von Güther vergessen.

In einem Atemzug mit Kick muss man aber auch Gideon Rapp nennen, der Schöllers Ziehsohn Eugen Rümpel spielt, der sich trotz eines Sprachfehlers für einen begnadeten Schauspieler hält. Rapp überzieht diese Figur so gnadenlos, dass die Zuschauer Tränen lachten. Schon als Phileas Fogg im Kinderstück „In 80 Tagen um die Welt“ überzeugte der Schauspieler. Man kann nur hoffen, dass Gideon Rapp noch in weiteren Spielzeiten in Neersen zu sehen sein wird.

Ihre unglaubliche Wandlungsfähigkeit bewies einmal mehr Claudia Dölker als nervige Schriftstellerin Josephine Krüger mit Turban, Perlencollier und Pelz, die sich bei einer Soiree in der Pension Schöller auch noch als Sängerin versucht (ein weiterer Höhepunkt des Stücks). Gut aufgelegt und mit großer Spielfreude gaben aber auch die weiteren Mitglieder des Ensembles ihren Figuren die notwendige Schärfe. Hohes Tempo, viele witzige Details taten ihr Übriges.

Da war die Handlung des Stücks eher nebensächlich. Gutsbesitzer Klapproth möchte bei einem Besuch in Berlin unbedingt eine Irrenanstalt von innen kennenlernen. Sein Neffe Alfred führt ihn in die Pension Schöller, die er als Irrenanstalt ausgibt. In die Hände spielt ihm, dass deren Gäste ziemlich exzentrisch sind. Klapproth, der sie für Irre hält, amüsiert sich prächtig. Die Situation eskaliert allerdings, als bei Klapproth, der auf sein Gut zurückgekehrt ist, am nächsten Tag der erste „Irre“ an die Tür klopft…

Beste Unterhaltung an einer lauen Sommernacht. Wer einmal vom Alltag ausspannen will, sollte sich sputen, dass er noch Karten bekommt. Der Vorverkauf war nämlich gut und nach dieser Premiere dürften die restlichen Karten reißenden Absatz finden.

(StadtSpiegel)
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