| 15.13 Uhr

Auf den Spuren von Muhammad Ali

miterlebt. Seit meiner Kindheit bin ich Box-Fan. Als am 10. September 1966 Cassius Clay, der sich dann später Muhammad Ali nannte, zwölf Runden im Frankfurter Waldparkstadion gegen den Deutschen Karl Mildenberger kämpfte, war das die erste Fernsehübertragung eines Boxkampfes, die ich mir bewusst angeschaut habe. Später stand ich extra mitten in der Nacht auf, um den "Rumble in the jungle" – die Ringschlacht von Ali gegen George Foreman anzuschauen und auch den "Thriller in Manila" (Ali gegen Joe Frazier) habe ich vor der Glotze live Von Lutz Schütz

Stadt Willich.

Selbst die Handschuhe angezogen habe ich aber nie. Lange Jahre war das Boxen noch als Kiez-Sportart verpönt und Weltmeister oder Europameister aus deutschen Landen gab es früher eher selten. Seit es das Privatfernsehen gibt, konnte man sich aber immer mehr Kämpfe anschauen. Und seit Henry Maske gibt es auch wieder viele deutsche (oder eingedeutschte) Titelträger. Und irgendwo im Hinterkopf gab es immer noch die Idee, einmal selbst aktiv zu werden.

Dass man mit 61 Jahren nicht mehr in den Ring gehen kann (auch nicht für ein Sparring), ist selbstverständlich, aber Personalboxtraining – das ist eine echte Alternative. Der Boxtrainer Kai Burchardt bietet für alle, die im Beruf voll eingespannt sind und ein Ventil zum Stress– und Aggressionsabbau suchen, Personaltraining an. Wer das auf die Dauer macht, lernt nicht nur Grundbegriffe des Boxens, sondern kann auch abnehmen und seine Leistungsfähigkeit verbessern.

Burchardt hat früher beim TUS Gerresheim geboxt und ist seit 2006 Trainer beim Boxring Neuss. Seit einigen Jahren bietet der 42-Jährige auch in der DJK-Willich-Zen-Fabrik an der Jakob-Krebs-Straße 124 in Anrath seine Kurse an.

Vorneweg – ein Honigschlecken ist das nicht! Aber wenn man seine Kräfte richtig einteilt, kann man das auch als 61-Jähriger durchstehen. Los ging an dem Donnerstagabend, an dem ich es endlich wissen wollte, zunächst mit Aufwärm- und Koordinationsübungen. Die Sandsäcke, die von der Decke hänge, dienen zunächst einmal nur als Slalomstangen (... und das ist auch gut so!). Nach einer Viertelstunde werden dann die Boxhandschuhe angezogen. Jetzt geht's vor allem darum, die Schlagbewegungen richtig auszuführen und diese mit der Beinarbeit zu koodinieren. Scheint zunächst noch ganz einfach zu sein, aber spätestens bei der Rückwärtsbewegung erkenne ich, dass es wohl einige Zeit braucht, um das Einmaleins des Boxens zu lernen.

Im nächsten Schritt folgen Partnerübungen, zur Steigerung der Reaktionsschnelligkeit. Beim abwechselnden Abklatschen der Hände kann ich sogar mit meinem jüngeren Partner mithalten. Ein erstes kleines Hochgefühl stellt sich ein. Als ich danach beim Auffangen von Tennisbällen klar die Nase vorn habe, geht's mir richtig gut.

Aber am Sandsack geht dieses Hochgefühl schnell verloren. Erst soll ich zehn Sekunden leicht und dann zehn Sekunden hart auf den ledernen Sparringspartner einschlagen (der zum Glück nicht zurückschlagen kann). Dann sind jeweils zwanzig Sekunden gefordert, dann sogar 30 Sekunden, danach wider je zwanzig und zehn Sekunden. Mir bleibt so richtig die Luft weg und ich lasse erst einmal die Arme vorgebeugt schlapp hängen.

Aber das ist erst der Auftakt. Schon geht's weiter. Jetzt muss ich zehn Sekunden lang, so schnell wie möglich auf den Sandsack eindreschen, dann zwanzig Sekunden usw. Bei den letzten zehn Sekunden habe ich kaum noch Kraft genug, um die Arme zu heben und die Zeit scheint stillzustehen.

Ziemlich ausgepowert beginne ich die Partnerübungen. Nacheinander schlagen meine Partner und ich (natürlich nicht mit voller Härte) auf die Deckung des anderen, während wir uns langsam umkreisen. Links links, links rechts, links rechts links – eigentlich ganz einfache Kombinationen. Nur meine Konzentrationsfähigkeit hat schon arg gelitten, zumal auch leichte Konterschläge erfolgen müssen. Und trotzdem ist es auf einmal da: das Gefühl, dass dies jetzt fast schon richtiges Boxen ist (die Boxsportler überlesen dies bitte einfach).

Den Abschluss der Trainingsstunde (es waren wirklich nur 60 Minuten!) bildet ein Zirkeltraining, bei dem noch einmal Bauch, Beine und Arme gefordert sind. Ich halte mich lieber etwas zurück (auch auf Anraten des Trainers, bei dem ich mich hierfür an dieser Stelle noch einmal bedanke). Und obwohl ich jetzt wirklich platt bin: Das Boxtraining hat mir richtig Spaß gemacht.

Außerdem weiß ich jetzt, warum vor allem die Cruiser- (bis 90,72 kg) und Schwergewichtler (meine aktuelle Gewichtsklasse) ab der zehnten Runde immer häufiger klammern. Auch für durchtrainierte Profis ist allein die körperliche Anstrengung beim Boxen extrem groß. Hut ab!

(Report Anzeigenblatt)
Weitere Empfehlungen für Sie!Anzeige